Von Kaviar und Gemüseeintopf

Ich habe entschieden, ich werde mir ab sofort mehr als bisher selber treu bleiben. Oder überhaupt erstmal treu werden. Denn das war ich oft nicht in meinem bisherigen Leben. Zu viele Kompromisse zu meinen Lasten. Immer darum bemüht, die Nette zu sein. Die Freundliche, der oft das Wohl des Gegenübers wichtiger war, als das eigene. Bei Stolpersteinen und auch kleineren Hindernissen, immer diese Einstellung: „Ach ja, das geht schon irgendwie. Ich kriege das schon hin. Ist nicht optimal für mich, aber ich nehme es so in Kauf, wie es ist. Besser als nüscht!!“

Auch wenn man jahrelang immer und immer wieder Kaviar serviert bekommt oder meinetwegen Austern und Champagner….. irgendwas Edles jedenfalls…. dann hat man trotz permanentem Luxus irgendwann Lust auf Gemüseeintopf mit Würstchen und kann den edlen Kram nicht mehr sehen.

Wenn man diese Situation auf das Liebesleben zweier Menschen überträgt, dann kann es zu argen Irritationen führen. Der big spender sieht sich ungerecht behandelt, wenn die Frau, die er meint jahrelang verwöhnt zu haben, auf einmal unzufrieden ist. Wenn die Frau mehr will, wo er doch vermeintlich alles gegeben hat. Er fragt sich, was das eigentlich soll. Hat er ihr denn die ganze Zeit nicht wirklich viel geboten? Mehr als jeder andere auch nur gewillt und in der Lage wäre zu geben?

Hintergrund ist folgender: Ich habe exakt am 11.09.19 meinem Langzeitlover ((für die Insider unter euch – es spreche von meinem Osmanen aus Anatolien) schweren Herzens den Laufpass gegeben. Und das nicht ohne vorher wieder und wieder nach Gemüsesuppe gefragt zu haben. Regelrecht gebettelt hab ich drum. Er brachte einen Fingerhut voll und beim nächsten Mal wieder ne Schubkarre Austern. Und ich habe viel zu oft dann kein Theater gemacht und genommen, was er für mich vorgesehen hatte. Dankbar, brav, demütig. Wie sich das gehört. So wie wir Mädchen erzogen wurden. Sei dankbar. Er meint es doch nur gut. Sieh nur, wie schön! Er ist großzügig. Du bist ihm viel wert. Sei doch vernünftig.

Egal was ich gesagt habe. Egal wie oft. Er entschied, was ich brauche. So als hätte ich ihn auf Chinesisch angesprochen, wo er der Sprache nicht mächtig ist.

Bis mir der Kragen geplatzt ist und ich ihm gesagt habe: Es reicht mir jetzt.

Seine einzige Reaktion: „Okay, weiß ich Bescheid. Dann hast du wohl einen anderen Lieferanten gewählt. Bin ist raus. Ist ja okay. Alles gut.“

Dann folgten allen Ernstes 16 Tage eisernes Schwiegen. Kein Wort, weder telefonisch noch schriftlich. Und ich dachte: Okay, das wars dann also ?!?!?
Ich kenne ihn seit exakt 36 Jahren. Also wirklich richtig gut. Und ich weiss, er hat unter meiner Ansage und den Konsequenzen gelitten wie der sprichwörtliche Hund. Es muss ihm schlecht gegangen sein. Und mir tat er wirklich Leid, weil ich auch weiß: Er versteht es einfach immer noch nicht wirklich, warum ich so ticke. Aber er gab mir nicht die Gelegenheit mich in Ruhe zu erklären. Ohne Zorn und ohne Aggression. In Ruhe und aller Ausführlichkeit. Denn es gibt ihn nicht, den anderen Lieferanten.

Dann, zwei Wochen später,. Gegen 9 Uhr morgens klingelte mein Telefon. Ich sah, er war dran. Ich war überrascht und/aber auf dem Sprung ins Büro. Hatte also keine Zeit. Ich ging kurz ran und sagte, wir sollten in Ruhe reden. Aber eben nicht jetzt. Abends oder so. Dann aber auch nicht unbedingt in meiner Wohnung.

Zu verführerisch das Umfeld. Der Gewohnheit folgend wäre er schnell wieder in seine Routine eingestiegen und mir auf die Pelle gerückt. Und ich räume immerhin ein, dass auch ich schwach werden könnte. Reden käme dann wieder zu kurz. Dabei möchte ich, dass er mich einfach auch mal versteht. Doch dafür brauche ich die Gelegenheit mich in Ruhe und ausführlich zu erklären. Er will aber nicht reden. Ich weiss das. Deshalb versuchte er mich davon ab zu bringen. Er meinte: „Ach komm Schatz, ich bringe und ne schöne Flasche mit. Wir trinken ein Gläschen oder zwei und machen es uns gemütlich. Wie immer.“ Das habe ich abgelehnt. Aus eben beschriebenen Gründen. Da wurde er sauer und meinte, es müsse ja einen Grund geben, warum ich ihn nicht bei mir zu Hause haben wolle. Ich solle doch endlich sagen, was los sei. **Augen roll** Wieder diese Eifersucht-Nummer!!

Es folgten wieder zwei Wochen beleidigtes Schweigen von seiner Seite. Dann habe ich ihm Montag vorgeschlagen, zu mir ins Büro zu kommen. Ich habe diese Woche Zeit und bin allein hier. Wir könnten in Ruhe reden. Bei Regenwetter ist auch nicht viel los. Kein Kundenandrang.

Gestern rief er mich am Nachmittag an. Und er erklärte, die Idee mit dem Gespräch im Büro würde ihm nicht gefallen. Er möchte am Abend bei mir zu Hause vorbei kommen. Da können wir auch reden. **kreisch-schrei-hüpf-spring**Haare rauf**

Jetzt is feddisch!!! Jetzt mag ich nimmer. Ich habe ihm mitgeteilt, dass er offensichtlich nicht aus seinem Film raus kommt, der wohl in Dauerschleife läuft. Wir treffen uns jetzt seit exakt drei Jahren immer bei mir zu Hause. Und da schlage ich ein einziges Mal was anderes vor und da geht kein Weg hin?? Neeee, also echt!!!

Gestern Abend hatte ich einen Online Kurs mit abschließender Meditation, die sehr wohltuend für mich war. Da hieß es unter anderem, es gäbe etwas, was mir nicht gut tut und was sich seit längerer Zeit für mich als Energiefresser erweist. Ich solle mal überlegen, ob ich da nicht mal los lassen wolle….. Ja, will ich. Und ich habe es ihm gleich gestern noch mitgeteilt. Es fühlt sich nachhaltig gut an.

Heute habe ich am Morgen mit einem Freund gechattet.
Der meinte: Du bist heute so anders, was ist passiert?

Klarheit ist sexy. Vor allem für mich.

 

 

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3 Antworten zu Von Kaviar und Gemüseeintopf

  1. tinademirezen schreibt:

    Es ist sowas von richtig! Allerdings verstehe ich deine Beweggründe, wenn man sich so lange kennt. Nicht einfach für eine Frau mit unserer Erziehung! Zu sich zu stehen ist am Anfang schwer, doch es gibt Energie und fühlt sich total richtig an! Super!
    Ein Hoch auf die Gemüsesuppe! Wirklich lecker!

    • chinomso schreibt:

      Ich habe das gestern einer anderen Freundin erzählt.
      Sie sagte: Nein, behalt den bloss. Ihr gehört doch irgendwie zusammen!!! Das geht doch nicht!! Kannste nicht machen. Der Arme!!

      Ja, und was ist mit mir??
      Ich habe ihr erzählt, was ich will, was ich brauche. (Zitat: Ich brauche einen Mann mit Interessen, mit einer eigenen Meinung, einen der sein Leben anpackt und nicht nur jammert und klagt.)

      Und sie schrieb: Wo willst du denn so einen Wunschtraum Mann herkriegen? Glaub mir, das was du suchst, gibts nicht mehr. Wenn ich mich so in meinem Bekannten- und Freundeskreis umgucke….. eher suboptimal oder schlimmer.

      Aber, ich geb die Hoffnung nicht auf.

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