Der Meier II

Ich verbrachte also die Nacht bei ihm ohne nennenswerte blutdrucksteigernde Momente. Mir fiel auf, dass ich zwar gesagt hatte, seine 3-4 Zigaretten pro Tag würden mir nichts ausmachen, aber so ein Raucherhaushalt ist dann schon noch ne andere Nummer. Kissen, Sessel, Teppiche und sowieso alles, was man nicht waschen kann, riecht einfach nach Nikotin. Da gibts nichts schön zu reden. Und das ist alles andere als angenehm für eine Person wie mich, die schon 14 Jahre Nichtraucherin ist.

Das heisst, ich bin am anderen Tag von dort zu Arbeit gefahren und meine Jacke und sowieso alle Textilien, die ich an oder auch nur bei mir in der Tasche hatte, die schrien „wasch mich! befrei mich von diesem Geruch!!“ Und Gerd sagte, er wolle mir zu liebe das Rauchen einstellen. Das gefiel mir gut und ich war auch der Meinung, dass es viele andere Dinge gab, die er mal lieber nicht mir zuliebe sondern seiner Gesundheit zuliebe tun sollte. Ganz simple Dinge, wie z.B. Wasser trinken. In seiner Welt existierte kein Gemüse, kein Obst, es gab sowas wie Salat nicht und Wasser – was er Gänsewein nannte – war nur zum Waschen oder Kaffee kochen gut. Bei der Auswahl der Getränke, die er extra für mich gekauft hatte, war kein Wasser dabei. Säfte aller Art, Cola und Eistee. Nichts ohne Zucker. Ich meine, ich bin ja wirklich kein Gesundheitsapostel, so ganz ohne gesunde Sachen komme ich in meinem Leben nicht aus.

Na ja, ich will die Geschichte nicht allzu lange hinaus ziehen und euch jedes Fizzelchen erzählen. Er hatte an einem der folgenden Tage einen Termin in einer sehr renommierten Herzklinik hier in der Gegend. Das hatte er mir schon beim ersten Date erzählt. Auf meine besorgte Nachfrage hin stellte er den Termin als reine Routineuntersuchung hin.  Er müsse in die Röhre und es würde überprüft ob mit seinem Herzen alles okay sei. Denn er hatte bereits mehrere schwere operative Eingriffe am Herzen hinter sich und auch allerlei Bauteile eingesetzt bekommen. Tröpfchenweise ließ er große Teile seiner jahrelangen Krankengeschichte raus. Mir wurde ganz anders. Von wegen Routineuntersuchung…… es saßen wieder mal Gefäße zu und es mussten weitere Stents eingesetzt werden. Zusätzlich zu den bereits vorhandenen und einem Herzkatheder. Er berichtete, dass er eigentlich schon länger nicht mehr leben sollte, er habe einfach nur Glück gehabt.

An dem Tag seines Termin hatte ich zufällig frei. Deshalb fragte er, ob wir uns nach seiner Untersuchung sehen wollten. Er schlug vor zu mir zu kommen und ich war einverstanden. Was an dem Tag dann geschah, war für mich aber sehr verwunderlich und gab mir Rätsel auf. Er fuhr vom KH nach Hause und meinte, er wolle nur ein paar Sachen holen. Als er bei mir eintraf, hatte er neben einer mittelgroßen Reisetasche auch einen Einkaufskorb mit Lebensmitteln dabei: Den kompletten Inhalt seines Kühlschranks. Fröhlich berichtete er, er habe zu Hause vor dem Haus seinen Nachbarn Matthias getroffen, der gefragt habe: „Wo gehts denn hin? Etwa in den Urlaub?“ Gerd meinte, er habe ihm gesagt: „Nein, ich verbringe das WE mit meiner neuen Freundin. Ich komme Sonntagabend oder auch erst Montag zurück.“

Das versetzte mich in Staunen, denn davon wusste ich bis dahin nichts. Ich hatte ihm auch vor Tagen klar gesagt, dass ich am Samstag würde arbeiten müssen.  Wie immer samstags. Ich erinnerte ihn an diese Tatsache. Aber das machte ihm nichts aus. Er jedenfalls freute sich aufs WE. Ich nicht so, denn ich fühlte mich von ihm regelrecht überrollt. Aber ich hielt mein ungutes Gefühl erstmal zurück. Wollte uns nicht den Tag verderben. Freitagabend habe ich uns was Schönes gekocht und die Unterhaltung war flüssig, aber recht einseitig, denn Thema war beinahe durchgängig sein früherer Beruf als LKW Fahrer. Anfangs hatten mich die unzähligen recht spannenden Geschichten noch amüsiert. Es gibt schon Kurioses, was ein LKW Fahrer so erlebt. Aber nach der 47. Story wird es dann auch mal langsam öde.

Das Ende das Abends zog sich hinaus. Mir war da noch nicht klar, wieso. Später fiel der Groschen langsam. Bereits am Nachmittag war ich schockiert gewesen über die Menge der Medikamente, die er mitgebracht hatte. Er musste morgens, mittags und abends eine Handvoll Pillen schlucken, weil das sein Gesundheitszustand wohl erforderte. Anders als bei anderen frisch Verliebten fielen wir nicht wie die Geisteskranken übereinander her. Das heisst, ich hätte schon gewollt. Er aber nicht so. **kicher* Und wie sich das für eine Dame fortgeschrittenen Alters wie mich gehört, übte ich mich also auch in vornehmer Zurückhaltung. Bis sich das „junge“ Paar dann zu Bett begab. Nachdem schon bei meinem Besuch in seinem Zuhause nicht der Punk abgegangen war…… außer ein paar zarten Küsschen, ein wenig  geflüstertem Schweinkram und kleinen Zärtlichkeiten war da nix passiert. **gähn** Deshalb hatte ich nun beschlossen: Die Reifeprüfung stand an. Butter bei de Fische!! Doch das einzige was da stand, waren meine Möbel im Schlafzimmer, meine Wasserflasche am Bett und am Display meines inneres Augen stand der Schriftzug:
WAS IST DENN HIER KAPUTT??
Antwort: Alles

Er teilte mir mit, dass er durchaus Verständnis dafür hätte, wenn ich unter den gegebenen Umständen eine Beziehung zwischen mir und ihm für unmöglich erklären würde. Er attestierte mir, dass ich eine lebenslustige und lustvolle Frau in den besten Jahren sei und man mir anmerkte, dass ich bestimmt noch viele Jahre meinen Spaß haben wolle und auf sexuelle Erfüllung nicht verzichten könne. Bingo?

An der Stelle sei erwähnt, dass sich die Situation für mich völlig anders darstellen würde, wenn ich jahrelang mit einem Partner zusammen leben würde und der dann im Laufe unserer gemeinsamen Zeit erkranken würde. Dann würde ich natürlich nicht sagen: „Pass mal auf. Ich bin dann mal weg. Du bist gesundheitlich eingeschränkt. Ich mag nimmer.“ Denn genau das könnte mir auch passieren. Dass ich krank werde und nicht mehr so kann wie ich möchte. Klarer Fall.

Ich habe mir diese ganze Thematik und auch meine weiteren Pläne mit Gerd gut durch den Kopf gehen lassen. Und zwar am Samstag, als ich arbeiten war und er allen Ernstes allein zu Hause in meiner Wohnung abhing und von 9-17 Uhr auf mich wartete. In der Zeit hat er die Wohnung nur verlassen, um auf der Terrasse zu rauchen. Er hatte es nicht geschafft zu duschen, nicht geschafft unseren gemeinsamen Frühstückstisch abzuräumen und auch sonst nichts. Er saß am Nachmittag noch im Schlafanzug auf der Couch vor dem TV und schaute Formel 1. Vor sich den leeren Joghurtbecher, der sein Mittagessen gewesen war. Dieses Bild sprach Bände für mich.
Gott sei Dank ist das so gelaufen, kann ich heute sagen.

Als ich etwas kochen wollte, meinte er: „Schatz, ich bestelle uns ne Pizza.“

Meine Angewohnheit (gefühlt ständig) Wasser zu trinken, war für ihn auch an diesem Tag wieder Anlass zu Spott und Häme. Und das nicht zum ersten Mal. Es nervte mittlerweile. (kleiner Schwank am Rande….. in der Herzklinik hatte man ihm an dem Freitag Blut abnehmen wollen. Ging nicht. Es kam aus ihm raus, dick wie Marmelade. Man bescheinigte ihm, er wäre völlig dehydriert und fragte, ob er wohl genügend trinke.  – Noch Fragen?)

Nach dem Verzehr der  Pizza, die mir schon gar nicht mehr schmeckte, weil ich innerlich schon intensiv darüber grübelte, wie ich den Mann möglichst stressfrei und elegant los werden konnte, landeten wir vor dem TV. Es kam eine höchst schwachsinnige Dokumentation über Schönheit-OPs im Ausland, die sich über Stunden hin zog und die er unter keinen Umständen verpassen wollte. Ich saß daneben und daddelte mit meinem Handy herum. KREISCH !!!!! SCHREI !!!! ZU HILFE !!!!!

Irgendwann stand ich wortlos auf, ging ins Bad und machte mich bettfertig. Ihm sagte ich noch gute Nacht, in dem ich den Kopf zur Wohnzimmertür rein schob. Er war völlig erstaunt und fragte, was denn passiert sei. Dann machte er enttäuscht und bockig den Fernseher noch vor Ende „seiner Sendung“ aus und stieg mit dem Schlafanzug, in dem er den Tag verbracht hatte, in mein Bett drehte sich von mir weg und sagte „Gute Nacht!!!“

HALLLLOOOOOOOO??? Gehts noch??

Er weiss gar nicht was er für ein Glück hat, dass ich so ein geduldiges und gutmütiges Schaf bin. Ich hätte ihn am liebsten noch an dem Abend mit seinem Kühlschrankinhalt an die Luft gesetzt. Hätte ich auch besser mal tun sollen. Aber nein, ich habe versucht zu schlafen und am Sonntagmorgen kam es nach einer Tasse Kaffee für ihn zum

F I N I S H

 

 

 

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2 Antworten zu Der Meier II

  1. Ohgott, es tut mir leid, aber ich musste sooo lachen beim Lesen! 😅😅 auch wenn das für dich in dem Moment bestimmt alles andere als witzig war, ist es doch eine tolle Geschichte😅
    Aber der Arme sollte sich wirklich mal ans Wassertrinken gewöhnen🙄
    Verrückt, was sich so alles auf den Datingportalen tummelt🤣

  2. Ruthie schreibt:

    Auch wenn ich „gefällt mir“ angeklickt habe – das einzige, was mir daran gefällt: Dass du ihn wieder losgeworden bist! 🙂

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